Saugleistung
Aus WindelWiki
Die Angabe einer Saugleistung bei Inkontinenzprodukten geschieht fast immer nach dem sogenannten Rothwell-Test, der nach der Industrienorm ISO-11948-1 international standardisiert ist. Der Text der Norm ist nicht frei verfügbar, sondern kostet ziemlich viel Geld; daher kann er hier nicht verlinkt werden.
Im Grundsatz läuft die Testprozedur folgendermaßen ab: Das Produkt wird zunächst trocken gewogen. Dann wird das ganze Produkt eine bestimmte Zeit lang in eine Kochsalz-Lösung getaucht, deren Konzentration standardisiert ist. Danach wird es entnommen, abtropfen lassen und wieder gewogen. Die Differenz zwischen den beiden Wiegevorgängen gibt dann die Saugleistung nach Rothwell an.
Dieser Test liefert recht gute relative Ergebnisse. Wenn die Windel A eine deutlich höhere Saugleistung nach Rothwell hat als die Windel B, dann hält sie zu 80% auch in der Praxis mehr aus. Die absoluten Werte sind aber eher wenig aussagekräftig; im realen Einsatz wird oft weniger als ein Drittel, und praktisch immer weniger als die Hälfte der angegebenen Rothwell-Saugleisung tatsächlich erreicht.
Es gibt mehrere Gründe für die große Differenz zwischen Rothwell-Wert und Praxis:
- Die Windel läuft in der Realität nur an einer Stelle (Harnröhrenöffnung) voll, und nicht über die ganze Fläche, so dass sich der Urin ungleichmäßig verteilt. Da, wo es nasser ist, läuft es schon aus, wenn woanders noch etwas aufgesaugt werden könnte.
- Auch die Körperhaltung beeinflusst die Verteilung. Wenn eine Person auf dem Bauch schläft und dabei einnässt, fließt der Urin hauptsächlich in den Vorderteil der Windel, wo oft nur ein kleiner Teil des Saugpolsters zu finden ist.
- Die Windel muss in der Praxis zumindest im Liegen und Sitzen einen Teil des Körpergewichtes tragen. Der Test sieht dies nicht vor.
- Urin enthält neben Wasser und Kochsalz noch andere Stoffe in wechselnden Konzentrationen, die die Saugleistung des Superabsorbers vermindern.
Weichen zwei Windeln nur wenig voneinander ab in der Rothwell-Saugleistung, dann kann daraus nichts über die relative Saugleistung in der Praxis entnommen werden. Als einziges oder hauptsächliches Einkaufskriterium ist der Rothwell-Wert also wenig sinnvoll.
Damit ist auch die "4-Liter-Windel", die als Symptom für Missstände in Pflegeheimen durch die Presse geisterte, als Phantom entlarvt: nur nach Rothwell werden solche Werte erreicht. In der Praxis ist heute (2009) auch bei den stärksten Einwegwindeln bei ca. 1,5 bis 1,8 Liter Schluss, wenn keine Zusatzeinlagen verwendet werden.